LolaBlauPress

Reutlinger Nachrichten, 2. November 2015

Bis der ganze Zirkus brennt

(von Kathrin Kipp)

„Tralala, so ist das Leben“: Am Zimmertheater singt und spielt sich Agnes Decker in die Seele der Chanson-Sängerin „Lola Blau“. Jetzt feierte das „Musical für eine Schauspielerin“ Premiere. Ein schöner Abend.

„Wien bleibt Wien“, singt Lola. Auch wenn sich die Zeiten ändern. Und sie ändern sich. Die Orte auch. Aber Flüchtlinge wird’s wohl immer geben. Auch Georg Kreislers fiktive Chanson-Sängerin muss als Jüdin vor den Nazis nach Amerika fliehen.

Ihre herzlose Pensionistin hat die Fahne schon gehisst: „Wissen’s eh, wie’s ist“, sagt sie und wirft sie raus. Lola geht nach Basel, wo sie ihre Jugendliebe Leo verpasst, danach mit dem Dampfer in die USA. Für alle damaligen wie zeitlosen Stimmungen, Leidenschaften, Sehnsüchte, politische Krassheiten, Absurditäten, Bizarrheiten und Grausamkeiten hat Georg Kreisler ein mehr oder weniger sarkastisches, bissiges oder wehmütiges Chanson verfasst.

Dazwischen gibt’s für die Schauspielerin ein wenig Text, um ihre Biographie und Gefühlslagen auszuleuchten. „Heute Abend: Lola Blau“ ist ein Wechselbad der Gefühle, uraufgeführt 1971 in Wien, angelehnt an Georg Kreislers eigene Biographie, der zu Wien ebenfalls ein gespaltenes Verhältnis hatte.

Nach dem Krieg hat sich dort offenbar nicht viel geändert, nach wie vor gibt es antisemitische Leute, die die jüdischen USA-Rückkehrer sogar noch als Kriegsgewinnler darstellen. Kreisler bedankt sich bei seiner Heimatstadt mit drastischen Wortspielen und charmant schwarzhumorigen Chansons.

Zimmertheater-Chef Axel Krauße hat die Revue abwechslungsreich und mit vielen neckischen Ideen inszeniert. Mit Agnes Decker als Lola Blau: eine hervorragende Wahl, nicht nur, weil sie sich mit gut dosiertem schauspielerischen Einsatz in alle Stimmungslagen hineinfühlt, sondern weil sie der ganzen Traurigkeit, Wehmut, Kokettheit, Zerbrechlichkeit, Verruchtheit, Dreistigkeit und Lebenslust noch ein ganz eigenes, spöttisches Krönchen aufsetzt. Klaus Hügl sorgt am Klavier für die federleichte bis melancholische Stimmung. Agnes Deckers grandiose Performance gehorcht dem Text, dabei erweist sie sich als enorm verwandlungsfähig, wechselt ständig zwischen Lolas Gemütszuständen und den anderen Rollen hin und her und braucht dafür nur drei oder vier Paar Schuhe!

Immer wieder wiederholt Agnes Decker gewisse Text- und Gesangsstellen, so wie sich auch im Leben so manches wiederholt – bis hin zu der Stelle, als Lola gar nicht mehr vor der Bühne will: Immer wieder verschwindet sie hinter der Metallsplitter-Skulptur, die ihr als Backstage dient, streckt cabaretmäßig das Bein heraus, singt noch einmal los, und lässt sich vom entzückten Publikum wieder und wieder beklatschen. Lola kann eben auch ganz schön penetrant sein, wenn’s drauf ankommt. „Was man allen alles sagen könnte, wenn man sagen könnte, was man sagen könnte“ – Kreisler hat seine System- und Heimatkritik in schöne Wortspielereien verpackt. Decker tanzt dazu Wiener Walzer und ein bisschen Ballett, singt sich durch alle Hochs und Tiefs der menschlichen Existenz. „Man lächelt manchmal einen an und weiß, man möchte weinen.“

Mit Möwengeschrei und Wellenrauschen geht’s dann in die Staaten, auf dem Dampfer singt sie für die dekadenten Luxusdamen, über die sich gesanglich genau so lustig macht, wie über die Männer im Allgemeinen: „Man muss den Männern sagen, das sie klug sind. . . doch die Wahrheit vertragen sie nicht“ – einzelne Buhrufe im Publikum von Männern, die die Wahrheit nicht vertragen. Lola steigert sich so in den Song rein, dass sie den unsichtbaren Kerl auch noch ersticht: „Was soll man sonst tun?“

Lola fühlt sich zu Hause wie in der Fremde heimatlos: „Man muss nur wissen, man hat niemals ein Zuhause.“ Egal: „Ach, was schadet schon das Wandern?“ „Dichter reden viel von Treue, aber im Grunde sucht der Mensch das Neue“: In den USA macht Lola Karriere als Sängerin und plötzlich blondes Sexsymbol, Decker legt auf die amerikanische Flagge einen angezogenen Strip hin. Und vergnügt sich mit einer Riesenbrezel.

Es folgen Liebe, Absturz, Desillusionierung, auch, als sie wieder zurück ist in Wien und die ewiggestrigen Schmidts immer noch das Sagen haben. Bis irgendwann einmal der ganze „Zirkus brennt“. Ja, „im Theater ist was los.“

Schwäbisches Tagblatt, 31. Oktober 2015

Die Allein-Unterhalterin: Die One-Woman-Show von Agnes Decker

(von Wilhelm Triebold)

UNTERM STRICH: Agnes Decker läuft zum Abschied zu großer Form auf. Es war aber auch höchste Zeit, Georg Kreislers Musical für eine Schauspielerin aus dem Hut zu zaubern. Könnte ein großer Publikumserfolg werden.

Merkwürdig, wieso die Tübinger Theater so lange einen großen Bogen um dieses wunderbar zartbitterböse Asyl-Musical gemacht haben. „Heute Abend Lola Blau“ ist das wohl bekannteste Stück des alten Taubenvergifters Georg Kreisler.

Wer dessen resignierende Wut, die Kapitulation vor den beständig feindlichen Verhältnissen besser verstehen möchte, muss sich nur anschauen beziehungsweise anhören, wie er eigenes Erlebtes und Erlittenes in den Everblacks von „Lola Blau“ verarbeitet hat – für sich und andere…

Später probierte Georg Kreisler, den „Lola-Blau“-Hype mit einem Ein-Mann-Musical namens „Adam Schaf hat Angst“ zu wiederholen, in dem es heißt: „Es hat keinen Sinn mehr, Lieder zu machen, statt die Verantwortlichen niederzumachen.“ Die kochte sie kurz nochmal hoch, die erkaltende Kreisler-Wut. Den ausbleibenden Erfolg erklärte er dann aber so: „Offensichtlich macht es den Frauen mehr Spaß, den ganzen Abend lang allein auf einer Bühne zu stehen, als den Männern.“

Mag sein, aber das funktioniert nur, wenn es auch eine Frau ist wie die Zimmertheater-Schauspielerin Agnes Decker. Die hört dort nun nach nur drei Spielzeiten schon wieder auf, um sich anderweitig umzutun (morgen Ingolstadt?). Und nach dem Lola-Blau-Abend kann man sagen: Das ist doppelt und dreifach schade.

Agnes Decker verfügt nicht unbedingt über eine besonders tragfähige, voluminöse Gesangsstimme. Es ist eher das Soubretten-Fach, das sie bedient, aber aus dieser soliden Ecke heraus mischt sie die melancholischen Zwischentöne unter, die von dieser Rolle schließlich auch gefordert sind.

Die Wiener Sängerin Lola Blau ist auf der Flucht und auf der Suche. Sie nimmt vor den Nazis Reißaus und reist dem gleichfalls jüdischen Geliebten vornedraus, um ihm in Wahrheit hinterher zu trauern. Die Geschichte auch einer verpassten Liebe, und „die Geschichte einer Ohnmacht“, wie Kreisler erklärt hat: „Lola steht dem Antisemitismus ebenso ratlos ohnmächtig gegenüber wie dem eigenen Judentum. Sie ist ohnmächtig gegen die sturen Schweizer, wütet ohnmächtig gegen die Sex-Karriere in Amerika, und am Schluss ist sie wieder ohnmächtig gegen die österreichischen Ewig-Gestrigen.“

Im Zimmertheater-Gewölbe erobert sie in Axel Kraußes feinfühliger Regie eher verzagt das Terrain. „Ich komm schon…“, so tastet sie sich vor, wie ein verloren gegangenes Kind. Von Anfang an, aber auch in den folgenden eindreiviertel Stunden, bekommt das Wort von der Alleinunterhalterin einen weiteren, einen tieferen Sinn. Diese Person ist und bleibt für sich allein, verletzlich, verlassen.

Das Lied „Sie war liab“ interpretieren Agnes Decker und der empathisch begleitende Pianist Klaus Hügl beinahe wie ein Chopin-Nocturne, abgedunkelt und voll prophetischer Klarheit:

Jeder weiß, dass man ertrinken könnte.

Doch bevor man ganz und gar versinken könnte,

glaub ich fest, dass jeder einmal winken könnte

oder rufen: Geh doch noch nicht fort!

Gibt’s denn einen bessern Ort?

Freunde hast du keine dort.

Klein ist der Sinn, aber groß das Wort.

In der Nummernrevue des begnadeten Wortwitzkünstlers Kreisler findet sich alles. Nonsens-Lyrik, die „Swami“ auf „Miami“ reimt oder „Kuweit“ auf „zu weit“, oder, geht’s noch gewagter, „dreizehn“ auf „die Schweiz sehn“. Es gibt Abräumer wie „Sie ist ein herrliches Weib“, es gibt verzweifelte Liebeslieder und Parodien von Paris bis Berlin, und auch ziemlich verschrobene Porträts wie etwa von der „Frau Schmidt“.

Agnes Decker unterlegt die alten, bösen Lieder des Georg Kreisler mit einer humorvoll-selbstironischen Art und unterstreicht, ohne zu dick aufzustreichen. Ein bisschen fesche Lola muss natürlich auch sein. Oft genug sind ihr und der Regie allerdings sinnige Bilder oder Erklärungsmuster eingefallen. Im Nu werden Schläfenlocken unterm Hut gedrechselt, um das Judentum ins Bewusstsein gelangen zu lassen. Der Rauswurf aus der Schweiz wirft ein alpines Echo zurück: Dann wird die „Verfügung“ zur „Fügung“, und von „Zürich“ bleibt nur: „ich“. Das ist klug und stark.

Wenn sich Agnes Decker alias Lola Blau ins gelobte Land aufmacht, das für singende Schauspielerinnen offenbar nur Amerika heißen kann, dann untermalen Möwengekreisch und Gischt-Gezische die Überfahrt nach Übersee. Dort angelangt, wickelt sie sich, als bloße Männerphantasie à la Marlene, in die schützende Fahne der USA: Stars and Strip.

Der Kreisler-Verehrer Daniel Kehlmann hat den gerne als Kabarettist (miss)verstandenen Altmeister zu einem „der bedeutendsten Dichter in der Sprache von Paul Celan, Nelly Sachs und Rose Ausländer“ erklärt und mit diesem kühnen Lob eine Spur gelegt, Denn Kreisler bleibt einer von ihnen, den Heimatlosen, den ewig auf der Flucht Befindlichen. So ist sein Werk, mit all seinen verzweifelt heiteren Volten, auch zu deuten. Und das gelingt der Zimmertheater-Version hervorragend.

Sein Österreich hat der Heimatvertriebene Georg Kreisler mindestens ebenso leidenschaftlich hassgeliebt wie Thomas Bernhard, allerdings weniger von innen, mehr von außen. Am Ende des Tübinger „Lola-Blau“-Abend steht dann aber eines der „Lieder zum Fürchten“, das fürchterlich bösartige Couplet „Als der Zirkus in Flammen stand“. Spätestens da ist sie am Ziel angelangt, die lange kalte Wut des Georg Kreisler. Und auch im Zimmertheater schließt sich der Kreis.

Reutlinger General-Anzeiger, 31. Oktober 2015

Bretter, die ihre Welt bedeuten

(von Nadine Nowarra)

Wer sich für die Welt des musikalischen Kabaretts interessiert, sollte sich Deckers fulminante One-Woman-Show nicht entgehen lassen. Zudem ist »Heute Abend: Lola Blau« eine der letzten Chancen, Decker noch einmal auf der Bühne des Zimmertheaters zu erleben. Sie wird Tübingen nach dieser Produktion leider verlassen.

TÜBINGEN. Die Bretter, die ihre Welt bedeuten … Die Schauspielerin Lola Blau liebt die Bühne. Doch das Naziregime macht es der Jüdin nicht länger möglich, in Deutschland zu leben. So flieht sie in die USA. Das Theater wird zu ihrer neuen Heimat.

Mit »Heute Abend: Lola Abend« von Georg Kreisler (Regie: Axel Krauße), zeigte das Zimmertheater am Donnerstag einen Chansonabend, der unterhält und zum Nachdenken anregt. Klaus Hügl begleitet Agnes Decker, die die Lola Blau mit viel Energie und Leidenschaft gibt, am Klavier. Zum festlichen Anlass trägt er eine silberne Fliege und einen mit Pailletten besetzten Anzug. Das Bühnenbild (Axel Krauße) erinnert an ein abstraktes Gemälde. Bilderrahmen und splitterartige, halb-durchsichtige Scherben sind zu einer Art Paravent drapiert. Hinter diesem finden sich Kostüme, etwa verschiedene Paare Schuhe, in die Decker je nach Stimmungslage schlüpft.

Decker singt nicht nur Lieder, sie erzählt auch Geschichten. Und in diesen gibt es mehr Weisheiten zu erkennen, als man auf den ersten Blick vermutet. »Die Lügen auf der Bühne sind die Wahrheit«, heißt es an einer Stelle. An diesem Ort erfährt Lola Blau Freiheit – und wie es sich anfühlt, »gehört« zu werden.

Mut, Humor und Körpereinsatz

Es macht richtig Spaß, Decker zuzuschauen und zuzuhören. Mit ihrer Energie zieht sie das Publikum nur so in ihren Bann. Ausdruckstanzartig nimmt sie die Bühne für sich ein und zeigt sich in ausgedehnten, oft einen Tick satirischen Gesten. Alles immer auf eine sehr charmante Art. Zudem beweist sie viel Mut zum Humor und Körpereinsatz. Etwa, wenn sie vor Freude über ihr erstes Engagement ausflippt und sich in einen Affen verwandelt. Die Zuschauer zollen ihr immer wieder Zwischenapplaus.

Die vor Wortspielen strotzenden Lieder beschäftigen sich mit der Männer- und Damenwelt und natürlich der Liebe. Decker überzeugt in den unterschiedlichsten Facetten, so auch in politisch beißenden Kabarettstücken. Hier geht es unter anderem um die deutsche »Normalbürgerin« Frau Schmid, deren konservative Weltsicht ein rechtes Gedankenkörnchen aufweist. Aber auch Lola Blaus gesellschaftliche Isolation, da sie nirgendwo auf Verständnis stößt, und ihre latente Traurigkeit kommen in einigen Liedern eindringlich zum Tragen.

Wer sich für die Welt des musikalischen Kabaretts interessiert, sollte sich Deckers fulminante One-Woman-Show nicht entgehen lassen. Zudem ist »Heute Abend: Lola Blau« eine der letzten Chancen, Decker noch einmal auf der Bühne des Zimmertheaters zu erleben. Sie wird Tübingen nach dieser Produktion leider verlassen. (GEA)